Direkt zum Inhalt

Social B.

(weitergeleitet von Ethisches Bankwesen)

GEPRÜFTES WISSEN
Über 100 Experten aus Wissenschaft und Praxis.
Mehr als 8.000 Stichwörter kostenlos Online.
Das Original: Gabler Banklexikon

zuletzt besuchte Definitionen...

    Ausführliche Definition im Online-Lexikon

    Einfache Finanzdienstleistungen für Kunden, die von herkömmlichen Finanzdienstleistern nicht oder nur unzureichend bedient werden. M. stellt einen Teilbereich von Social Finance dar.

    1. Abgrenzung: Der Begriff M. ist nicht eindeutig abzugrenzen, da M. in verschiedenen Regionen von einer Vielzahl verschiedener Anbieter mit unterschiedlichen Motivationen und Ansätzen angeboten wird. Entsprechend gibt es Überschneidungen mit anderen Finanzprodukten und -Dienstleistungen, sowohl aus dem nicht-profit-orientiertem Bereich (Spenden und Entwicklungshilfe) als auch aus dem profit-orientierten Bereich (konventionelles Bank- und Finanzwesen). Zugleich ergibt sich hieraus aber auch ein Ansatz für die Verortung von M. - als eine (eigenständige) Mischform, die die marktkonformen Instrumenten des profit-orientierten konventionellen Bank- und Finanzwesens mit den sozial-orientierten Zielen der Entwicklungshilfe kombiniert. Zugleich hat M. eine Reihe spezifischer Instrumente entwickelt (s.u.), die es erlauben viele von den Kunden zu bedienen, die von anderen Finanzdienstleistern nicht oder nur ungenügend bedient wurden bzw. werden konnten.

    2. Entwicklung: Die Geschichte von M. hat ihre Wurzeln in Europa, u.a. in den Aktivitäten der ersten Genossenschaftsbanken und Raiffeisenbanken, die sich, wie M., v.a. um die von der Armut bedrohten Kleinunternehmer, Händler und Bauern bemühten, die von konventionellen Banken nicht bedient wurden. Jedoch wird das neuzeitliche Gesicht von M. oft mit Prof. Muhammad Yunus und der 1983 von ihm gegründeten Grameen Bank in Bangladesch (die heute über acht Mio., zumeist sehr arme Kunden hat) in Verbindung gebracht, die Vorbild für die Gründung tausender Organisation mit Fokus auf M., überwiegend in ökonomisch schwach entwickelten Ländern. Der ihnen für ihre M. Tätigkeiten in 2006 zuerkannte Friedensnobelpreis gemeinsam mit dem bereits ein Jahr vorher von den UN proklamierten „Internationalen Jahres des Mikrokredits“ hat der M. dann - in der Wahrnehmung sowohl einer breiteren Öffentlichkeit als auch des konventionellen Finanzsektors - zum endgültigen Durchbruch verholfen. Der Sektor begann sich rasch zu professionalisiern und zu kommerzialisieren. Der Vorteil dieser Entwicklung lag in der größeren Effizienz vieler M. Organisationen und in der leichteren Verfügbarkeit von Kapital für M., der wahrscheinliche Nachteil in einer Verschlechterung der Konditionen für viele Kunden, bzw. in einer stärkeren Orientierung der M. Anbieter auf die profitableren Kunden. Dadurch kommt es teilweise wieder oder immer noch zum Aussschluss der Ärmsten der Armen von benötigten Finanzdienstleistungen. Der offentsichliche Erfolg des Konzeptes M. führte u.a. zur Einführung von M. auch in entwickelten Ländern, So wurde in 2008 Grameen America gegründet, um den auch Menschen in den USA mit (Mikro-) Finanzdienstleistungen zu helfen. In Deutschland hielt der M. Sektor seinen (Wieder-) Einzug als die Bundesregierung Anfang 2010 den Mikrokreditfonds Deutschland einrichtete, mit dessen Hilfe nun auch hier - unter Einbeziehung einer Bank, die dem Social Banking zuzurechnen ist - Kredite an Kleinunternehmen und Unternehmensgründer vergeben werden.

    3. Motive und Ziele: Die Motive und Ziele von M. sind ebenso vielfältig wie die Anbieter von M. und sie wandeln sich mit ihnen im Laufe der Entwicklung von M.. In der frühen Phase dominierten eher gemeinnützige Motive, die darauf ausgerichtet waren, Armutsbekämpfung und Entwicklung durch Instrumente des Inclusive Finance zu unterstützen. Primäre Akteure waren dementsprechend zunächst Nicht-Regierungorganisationen, Entwicklungsbanken und Stiftungen. Als dann allmächlich klar wurde, dass M. nicht nur ein sinnvolles entwicklungspolitisches Instrument sein kann, sondern auch ein relativ sicheres und sogar profitables Konzept, rief das viele neue Akteure auf den Plan, von denen viele zwar auch ein soziales Anliegen hatten, aber mindestens ebensoviele auch ein finanzielles. M. wurde immer interessanter für Investoren mit einem Impact Investing Ansatz.

    Unterschiede in den Motiven und Zielen der M. Anbieter begründen sich aber nicht nur mit Entwicklungen über die Zeit, sondern auch mit der betrachteten Region. In ökonomisch schwach entwickelten Ländern liegt der Fokus von M. tendenziell eher auf der Armutsbekämpfung. Hier dient sie als Ersatz für ganz oder teilweise fehlende öffentliche Mittel sowie soziale Netze und stellt - idealerweise - einen Baustein zur Entwicklung des oftmals nur rudimentär vorhandenen Finanzsystems dar. In ökonomisch entwickelten Regionen liegt der Fokus von M. dagegen eher auf der Förderung von unternehmerischer (Eigen-) Initiative zur Reduzierung von Arbeitslosigkeit und Förderung von Wirtschaftswachstum. Hier dient M. eher als ein marktökonomischer Mechanismus zur komplementären Ergänzung existierender staatlicher Sozialnetze und Förderprogramme.

    3. Produkte und Dienstleistungen: M. umfasst eine zunehmend vielfältige Palette an Produkten und Dienstleistungen. Dazu gehören, neben dem am weitesten verbreiteten Mikrokredit, zunehmend auch Sparkonten, Überweisungs- und Bezahldienste, Versicherungen sowie Beratung und Training. Die Produkte und Dienstleistungen weisen aber oftmals – u.v.a. in ökonomisch schwach entwickelten Ländern - Besonderheiten auf, die als Anpassungen an die besonderen Eigenschaften des M. Kundenkreises zu werten sind. Diese Besonderheiten sind bes. augenscheinlich im Fall der bekanntesten M. Produkte, der Mikrokredite: (1) sie sind in ihrer Höhe vergleichsweise limitiert (weniger als 100 US Dollar bis wenige 1.000 US Dollar); (2) sie sind oftmals mit höheren Zinsen (ca. 15-80 Prozent pro Jahr) verbunden als üblicherweise von Banken verlangt, aber mit deutlich niedrigeren Zinsen als üblicherweise von kommerziell orientierten privaten Geldverleihern und Pfandleihern verlangt; (3) sie werden bislang überwiegend nur für unternehmerische Zwecke vergeben; (4) sie werden, aufgrund der häufig unzureichenden materiellen Sicherheiten der Kreditnehmer zumeist an (Individuen in) Gruppen vergeben, deren Mitglieder alle am Erhalt einer M. Dienstleistung interessiert sind (Group Lending Model) und deshalb einen sozialen Druck auf den einzelnen Kreditnehmer ausüben, den Kredit zurückzuzahlen (soziale Absicherung); (5) sie werden häufig nur an Frauen vergeben, da sie in Finanzangelegenheiten als zuverlässiger geltenden; sie werden zunehmend in Verbindung mit Beratungs- und Trainingsdienstleistungen zur Förderung des kaufmännischen bzw. finanziellen Know-hows der Kunden Finanzbildung vergeben. Zusammen kann dies eine Erklärung sein, weshalb die Kreditausfallraten (häufig wird hier eine durchschnittliche Rückzahlquote von 98 Prozent genannt) vieler M. Anbieter, die z.T. sogar besser scheinen als im Fall von Krediten konventioneller Banken in ökonomisch entwickelten Ländern. Eine weitere Besonderheit von M. Produkten ist in jüngster Zeit der zunehmend verbreitete überdurchschnittliche Einsatz neuer Technologien für den Vertrieb von M. Produkten. Die hohe Verbreitung v.a. von Mobiltelefonen und Internetzugängen in ökonomisch schwächer entwickelten Ländern, in denen die infrastrukturellen Voraussetzungen die Entwicklung eines filialgestützten Banknetzes oft verhindern, ermöglicht eine flächendeckende oder zumindest weitreichende Versorgung mit M. Dienstleistungen über diese Kanäle.

    4. Anbieter: Heute sind sehr verschiedene Organisationen in verschiedenen Bereichen von M. engagiert, die sich jedoch mit Blick auf M. in schwach entwickelten Ländern grob in sechs bis sieben Gruppen kategorisieren lassen. Die Endkunden vor Ort erhalten M. Produkte und Dienstleistungen i.d.R. von darauf spezialisierten - teils gemeinnützigen, teils profit-orientierten - Mikrofinanzinstituten (MFIs) bzw. deren Agenten. Die meisten MFIs verfügen über keine Banklizenz, die sie zur Annahme von Einlagen berechtigten. Entsprechend sind sie für ihre Refinanzierung auf Dritte angewiesen, bislang v.a. Spendenorganisationen und/oder Entwicklungsbanken. V.a. in etwas weiter entwickelten Ländern bieten, neben den MFIs, zunehmend auch konventionelle (meist regional ansässige und/oder genossenschaftlich organisierte) Banken M. Produkte und Dienstleistungen an. Sie nutzen dies oftmals auch zur Kundenentwicklung und können die vergebenen (Mikro-) Kredite zumindest teilweise aus den Einlagen ihrer (Spar-) Kunden refinanzieren. Mit etwas zeitlicher Verzögerung stießen zu den erwähnten Akteuren im Bereich M. weitere, oft stärker profit-orientierte Akteure hinzu. Dies sind v.a. internationale (Investment) Banken sowie Investmentfonds, die M. als eine neue, profitable und mit den Märkten weitgehend nicht korrelierte Asset-Klasse für sich entdeckt haben. Sie investieren die von ihnen eingesammelten Gelder zumeist in etablierte regionale Banken und große MFIs. In jüngerer Zeit haben schließlich neue Technologien, u.v.a. das Internet, zur Entwicklung einer weiteren Art von Akteur im M. Sektor geführt, sog. Peer-to-Peer Kreditvermittlungs-Plattformen (-> Peer-to-Peer Finance), von denen einige nicht nur auf nationaler Ebene tätig sind, sondern sich auf die Vermittlung von „Direkt-Krediten“ aus ökonomisch entwickelten Ländern in schwach entwickelte Länder spezialisiert haben.

    5. Kunden: Die Kunden von M. unterscheiden sich v.a. im Vergleich zwischen ökonomisch schwach entwickelten und ökonomisch entwickelten Ländern.

    In ökonomisch schwach entwickelten Ländern handelt es sich bei den M. Kunden zumeist um ökonomisch schwache Bevölkerungsgruppen, die an der Armutsgrenze leben. Dazu gehören v.a. Kleinst-Unternehmen, Händler und Farmer. Sie sind aufgrund ihrer geringen und unregelmäßigen Einkommen, fehlender materieller Sicherheiten und/oder fehlender Dokumente, die persönliche Daten oder auch Besitz feststellen könnten, oftmals von Finanzdienstleistungen durch konventionelle Anbieter ausgeschlossen, in deren Augen sie ein zu hohes Risiko darstellen und zu hohe fixe Verwaltungskosten verursachen. Die Anzahl der hier für M. in Frage kommenden Menschen wird, je nach Schätzung, auf ca. eine Milliarde weltweit beziffert.

    In entwickelten Ländern entsprechen die Kunden hingegen nur bedingt diesem Bild. Zumeist handelt es sich bei ihnen um (Start-Up) Unternehmer, die (schon wegen der vorhandenen sozialen Sicherungssysteme) nicht unmittelbar von Armut betroffen, jedoch eine Finanzierung für die Wachstumsphase oder zur Überbrückung von Liquiditätsengpässen für ihre Unternehmen benötigen, aber nicht über ausreichende materielle Sicherheiten für Kredite von konventionellen Banken verfügen. Oftmals haben die Kunden hier auch einen Migrationshintergrund.

    7. Diskussion: Obwohl der M. Sektor seit den 1980ern, und v.a. seit Anfang des neuen Jahrtausends einen enormen Boom erlebt hat, ist er noch weit davon entfernt die potentielle Nachfrage nach inklusiven Finanzdienstleistungen zu befriedigen und sein vermeintliches sozio-ökonomisches Entwicklungspotential zu realisieren. Die weit überwiegende Mehrheit der wirklich Armen (definiert als die mit einem Einkommen von weniger als einem US Dollar pro Tag), v.a. in ländlichen Regionen schwach entwickelter Länder, hat nach wie vor keinen Zugang zu formalen Finanzdienstleistungen. Um das zu erreichen, müsste der M. Sektor nach Ansicht von Experten mehrere hundert Milliarden US Dollar zusätzlich erhalten. In diesem Zusammenhang wächst mit ihrer Verbreitung auch die Kritik an M. u.v.a. am Mikrokredit, die sich auf verschiedene, oftmals verbundene Aspekte bezieht, so z.B. auf (1) die mögliche Überbetonung des marktökonomischen Ansatzes, (2) die unzureichende Unterstützung durch Spender, den zu starken Fokus auf Mikrokredite vs. Sparkonten oder Versicherungen, den zu starken Fokus auf Kredit für produktive unternehmerische Zwecke, (3) die zunehmende Kommerzialisierung und Profitorientierung des M. Sektors, (4) die unzureichende Verbreitung von M. im ländlichen Raum, (5) die vom Mikrokredit ausgehende mögliche Verschuldungsfalle für ungeeignete Kreditnehmer, (6) der fehlende Informationsaustausch zwischen verschiedenen MFIs, (7) das noch sehr ungenügende Angebot an Trainings- und Beratungsdienstleistungen zur Steigerung der ökonomischen und finanziellen Kompetenzen der Kreditnehmer, (8) die teilweise unzureichenden Management-Fähigkeiten in vielen, v.a. kleineren MFIs, (9) die fehlende Berücksichtigung von Umwelt-Belangen bei der Kreditvergabe, sowie (10) die nur in geringem Umfang stattfindende Ermittlung und Messung des tatsächlichen entwicklungspolitischen Erfolges von M. (s. Impact Assessment).

    Mit Ihrer Auswahl die Relevanz der Werbung verbessern und dadurch dieses kostenfreie Angebot refinanzieren: Weitere Informationen

    Mindmap "Social B."

    Hilfe zu diesem Feature
    Mindmap Social B. Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/social-b-70667 node70667 Social B. node70668 Community Banking node70668->node70667 node70758 Social Finance node70668->node70758 node70757 Peer-to-Peer Finance node70668->node70757 node70802 Sozial-Ökologisches Bankwesen node70802->node70667 node70799 Sustainable Banking node70799->node70667 node70800 Ethical Banking node70800->node70667 node70803 Ethisches Bankwesen node70803->node70667
    Mindmap Social B. Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/social-b-70667 node70667 Social B. node70668 Community Banking node70668->node70667 node70802 Sozial-Ökologisches Bankwesen node70802->node70667 node70799 Sustainable Banking node70799->node70667 node70800 Ethical Banking node70800->node70667 node70803 Ethisches Bankwesen node70803->node70667

    News SpringerProfessional.de

    Literaturhinweise SpringerProfessional.de

    Bücher auf springer.com

    Sachgebiete